Volker Saul

Franz Joseph van der Grinten: Erscheinungen, Zeichen, Botschaft

In: Günther Peill Stiftung (Hrsg.): Volker Saul. Leopold-Hoesch-Museum. Düren 1989.

Erscheinungen bereiten sich vor. Längst hat sich hinter dem Schleier des Ungewissen gesammelt, was durch ihn in die Sichtbarkeit hinaustritt, und immer ist dies nur ein Teil des Möglichen, der vorgeschobene von Mehrerem, das sich in der Dichte zurückhält. Die Geste quasi, mit der es Aufmerksamkeit auf sich lenkt und Neugier auslöst und die Vertiefung ins Unbestimmte herausfordert, den Wunsch, übers einfach sichtbar Gewordene hinaus mehr von dem wahrzunehmen, was spürbar ist. Alles Geheimnis lebt aus der Spannung von Offenbarung und Verhohlenheit. Klare Wegstücke locken den Schritt ins Schwankend-Ungefestigte, und Erwartungen erfüllen sich ebenso sehr aus dem Suchenden selbst wie aus dem, was er aufspürt: jede Begegnung ist letztlich die dessen, dem sie widerfährt, mit sich selbst, die Welt ein Spiegel, dem der, der in sie hineinblickt, indem er dies tut, für sich errichtet, und dazu kann ihm alles dienen, vorzüglich aber etwas, das ein Anderer, indem auch er für sich den Spiegel suchte, geschaffen hat und hinterließ. Denn das ist die vornehmste Leistung der Kunst und die, die ihr den Rang der existentiellen Notwendigkeit verleiht, daß die Selbsterkenntnis, die der Künstler in seinem Werk geleistet hat, bei dem, der sich davon angesprochen fühlt, im freien Nachvollzug dieses eigenen Erlebens die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis weckt und nährt. Selbsterkenntnis aber ist Welterkenntnis: Gewahrwerdung des Seins, das ihn umgibt, in dem Raum, in dem er selbst ist. Und keine Reflexion davon wäre müßig, jede vielmehr ist ein Beitrag, den großen Rätselfragen des Daseins etwas von ihrer Unauflösbarkeit zu nehmen. Hinter dem Schleier des Bildnisses von Saïs ist nicht nichts, sondern alles. Will sagen: all das, was der birgt, der kam, um zu holen. Jeder ist Sender und Empfänger zugleich, in ihm kreuzen sich die Botschaften, und indem sie es tun, hat er daran seinen Anteil, auch wenn diese Inspiration ihn nicht befähigt, diesen in eine Form zu gießen. Der es aber tut und dazu imstande ist, ist Botschafter par excellence, mit soviel Rang wie Verantwortung. Botschaft, Geste, Zeichen: letztlich muß alles, was mitteilen will, zur Einfachheit streben, selbst Orakel sind bündig, mag auch ihre Knappheit die Fallstricke einer irrtümlichen Deutung nicht ausräumen: Zu jeder Botschaft gehört der Schluß, den sie aus sich ziehen läßt, von vornherein dazu, jede Botschaft ist persönlich, jeder persönliche Schluß, der daraus gezogen wurde, ist, von der Wirkung her gesehen, die er hatte, der – historisch – einzig mögliche. Erst in Verschränkung bilden Wahl und Determination das Ganze unserer Existenz.
Einfache Zeichen: bei Volker Saul haben sie sich innerhalb einer heute allgemeineren Weise des Zeichnens, die, locker assoziativ, in wechselnder Handschrift variabel strukturiert und unterschiedlich gewichtet, einem irrational organischen Wachstum Vorschub gibt, dahin entwickelt, eher geometrisch sich zu bauen, klarlinig aus Geraden und Kurven, die, selbst im unterschiedlichen Gesicht der Farbdichte, gleichartig sich hintereinanderspannen: eine Reduktion der persönlichen Ausdrucksmittel auf die Klarheit quasi eines einzigen Schriftgrades, und wirklich ist es die Methode des Zeichnens, die aus dieser Verstrengung eine alternative Skala entwickelt hat, die nicht weniger reich ist als der willkürliche Duktus und das Vermischen der materialen und prozessualen Gegebenheiten vorher. Sie ergab sich aber daraus, daß er eine offene Farbtube senkrecht auf das Zeichenblatt aufsetzte und sie in dieser Haltung so darauf bewegte, daß der unterschiedliche Druck auf Tubenkörper und Blatt eine breite lineare Farbspur erzeugte, die sich aus der Eigenfarbe des Malbreis und dem Abrieb vom Bleirand des Tubenhalses mischt und diese Mischung in den unterschiedlichen Graden der Oxydation und der unterschiedlichen Sättigung der Fettränder modifiziert. Ein ruhig konzentriertes, planvoll diszipliniertes Vorgehen, in seinen Ergebnissen überblickbar und durchschaubar zugleich, überlagert Netze bildend gleich einer Reuse, die den, der sich einläßt, hineinzieht. bei den gemalten Bildern geschieht dies um so mehr, als diese Zeichen, nunmehr mit Kreide vollzogen wie auf einer Wandtafel, in unterschiedlicher Schichtung aus der Tiefe des Fonds auftauchen, die obersten als frische über mehr und mehr getilgten gleichsam: fast unsichtbar, dann schemenhaft und schließlich klar tun sie sich hervor aus dem transparent gesättigten, sonoren Bett der Farbe, das, selbst vielfach geschichtet, die Pigmente in unterschiedlicher Dichte abbindet, so daß die Fläche Raum scheint, aus dennen unergründlicher Tiefe die Botschaften herauftreiben, sensibilisiert in der Brechung durch die Farbschicht, die sie durchdringen und gegen deren auflösende Tendenz sie sich denn doch behaupten in einer gewissermaßen porösen Wiederverkörperung zu klarer Festigkeit bei schwebender Leichte, im Einklang der fast monochromen Farbigkeit des Bildfeldes, das sie wie ihr Lebenselement umgibt und mit dem sie eins sein können, weil ihr Weiß, das sich in der Farbe der Fläche bricht, zu dieser keinen anderen Gegensatz bildet als den der sich vereinzelnden Helle zu soviel Dunkelheit. Hineingezogen werden, Sichsinkenlassen, Hervortauchen in die eigene Sphäre zurück: was der Betrachter dieser Bilder dabei erfährt, ist letztlich sein Geheimnis.