|
Ausgangspunkt
von Volker Sauls plastischen Wand- und Bodenobjekten ist die Zeichnung.
Es sind Zeichnungen mit dicken, klaren Konturlinien, die eine prägnante
Form umreißen. Manche erlauben figurative Assoziationen, etwa jene,
bei der man eine Person zu sehen glaubt, die sich ein Kleidungsstück
über den Kopf zieht. Doch der Künstler selbst betonte einmal
in einem Interview, je reduzierter die Formensprache sei, desto mehr Möglichkeiten
hätte er, wenn er aus diesen Zeichnungen bestimmte Formen für
den Bau von skulpturalen Körpern auswählt.
Die plastischen Objekte bestehen aus MDF-Material, und sie werden aus
jeweils 2 cm dicken Schichten zusammengefügt. Vier bis fünf
solcher Schichten benötigt Saul, bis das Wandrelief schließlich
sein endgültiges Aussehen erlangt hat. Mit den kurvigen Biegungen
erinnern diese Skulpturen manchmal an typografische Fragmente oder an
Zeichnungen von Chromosomen; einige sind auch kreisrund oder nierenförmig.
Volker Saul fasst solche Objekte zu Werkgruppen zusammen, die flexible
Systeme darstellen: Sie sind in der Ausstellungssituation frei kombinierbar,
wie dem Besucher bei der Bodeninstallation mit rund zwei Dutzend solcher
Arbeiten in rot-weißer Musterung im Keller der Galerie vorgeführt
wird. Damit erteilt Saul dem klassischen akademischen Kunstbegriff eine
Absage, der die Wahl eines "fruchtbaren Moments" bzw. einer
einzigen idealen und absoluten Möglichkeit der Formaussage beschwor.
Das Streben nach bildnerischer und inszenatorischer Perfektion mündet
gemeinhin in einem "Auf-den-Punkt-Bringen" auf die geschliffene
Pointe, und nicht auf die Variation eines Arrangements.
Bei Volker Saul jedoch haben die einzelnen Objekte den Charakter von Buchstaben,
die man wieder zu neuen Wörtern kombiniert. Tatsächlich hat
Saul in früheren Installationen solche Objekte wie plastische Schriftkörper
eingesetzt. Allerdings zeigten seine Inszenierungen keine lesbaren Texte.
Die Schriftelemente sind auch weitaus abstrakter als z. B. bei jenen Grafiti-Sprayern,
in deren Elaboraten die gesprühten Buchstaben ihre Botschaften nicht
über den Wortsinn, sondern über die typografische und farbliche
Gestaltung vermitteln. Auch Volker Saul klammert bei seinen syntaktischen
Kombinationen Semantisch-Begriffliches konsequent aus; eine Literarisierung
des Werks findet also letztlich nicht statt.
Eine erste Arbeit aus der jüngsten Serie heißt "Jurassic
Buffalo" (2002) und erinnert an Fußstapfen eines riesigen Wesens.
Die später entstandenen Objekte bleiben in ihrer konkaven und konvexen
Ausformung zwar zeichenhaft, entziehen sich jedoch mehr und mehr einer
gegenständlichen oder typografischen Ausdeutung. Dass ihr Ursprung
in der Zeichnung liegt, lässt aber auch bei den rein abstrakten Formen
immer noch der grafisch-lineare Charakter der Skulpturen ahnen.
Grafisch ist nämlich nicht nur die Form, sondern ebenso die Oberflächenbehandlung
mit den "Tubenzeichnungen". Ströme von rot-weiß-grünen
Maserungen ziehen sich über die Sichtfläche. Mehrschichtig angelegte
Schlieren und Farbbahnen verdichten sich zu Streifen, zu Punktstrukturen
und zu Netzrastern in Weiß-Blau-Gelb oder Grün-Gelb-Blau, einem
psychedelischen Farbmuster nicht unähnlich. Solch eine starke Signalhaftigkeit
hat eine raumgreifende Wirkung.
Waren die ersten Arbeiten noch monochrom und somit etwas verhaltener,
so dominiert schließlich die Farbgebung so sehr, dass nicht mehr
ausschließlich die plastische Formzeichnung, sondern Farbrhythmik
und Ornamentik das bildliche Ordnungsgefüge determinieren: Man unterliegt
der Versuchung, diese Arbeiten letztlich unter dem Aspekt der Malerei,
und nicht so sehr als Bildhauerei zu betrachten. Wo bei anderen Künstlern
die aktuelle Malerei sich noch recht schwer tut, dem Vorbild einer Ästhetik
der Fotografie und des Medienbildes auszuweichen, bedient uns Volker Saul
mit einem höchst verblüffenden Beitrag über die Wirkungen
von Malerei im Raum.
Die Farbbahnen folgen zwar dem plastischen Formverlauf der Objektkörper
in ihren Biegungen wie die Wasserströmung einem Flussbett, aber letztlich
ist die Farbe hier doch völlig autonom - sie hat in ihrer signalhaften
Intensität, in den ornamental aufgefächerten Kontrasten und
der dichten Stofflichkeit einen ästhetischen Eigenwert. Dabei verbleibt
die Farbbehandlung allerdings im Grafisch-Plakativen, und dies bedeutet
eine präzise Abgrenzung etwa zu den lyrisch-metaphysischen Konzepten
bei den Farbkörpern der Künstler, die aus der Graubner-Schule
hervorgegangen sind. Dort hat die Farbe eine Absolutheit. Bei Volker Saul
hingegen relativieren sich die Autonomie der Farbe und der plastischen
Form immer durch die Rückbesinnung auf die Zeichnung.
|