Volker Saul: Porträt in: Kunstforum International Bd. 166, August-Oktober 2003, S. 352 f.
"Volker Saul".
Von Jürgen Raap.
 

Ausgangspunkt von Volker Sauls plastischen Wand- und Bodenobjekten ist die Zeichnung. Es sind Zeichnungen mit dicken, klaren Konturlinien, die eine prägnante Form umreißen. Manche erlauben figurative Assoziationen, etwa jene, bei der man eine Person zu sehen glaubt, die sich ein Kleidungsstück über den Kopf zieht. Doch der Künstler selbst betonte einmal in einem Interview, je reduzierter die Formensprache sei, desto mehr Möglichkeiten hätte er, wenn er aus diesen Zeichnungen bestimmte Formen für den Bau von skulpturalen Körpern auswählt.
Die plastischen Objekte bestehen aus MDF-Material, und sie werden aus jeweils 2 cm dicken Schichten zusammengefügt. Vier bis fünf solcher Schichten benötigt Saul, bis das Wandrelief schließlich sein endgültiges Aussehen erlangt hat. Mit den kurvigen Biegungen erinnern diese Skulpturen manchmal an typografische Fragmente oder an Zeichnungen von Chromosomen; einige sind auch kreisrund oder nierenförmig.
Volker Saul fasst solche Objekte zu Werkgruppen zusammen, die flexible Systeme darstellen: Sie sind in der Ausstellungssituation frei kombinierbar, wie dem Besucher bei der Bodeninstallation mit rund zwei Dutzend solcher Arbeiten in rot-weißer Musterung im Keller der Galerie vorgeführt wird. Damit erteilt Saul dem klassischen akademischen Kunstbegriff eine Absage, der die Wahl eines "fruchtbaren Moments" bzw. einer einzigen idealen und absoluten Möglichkeit der Formaussage beschwor. Das Streben nach bildnerischer und inszenatorischer Perfektion mündet gemeinhin in einem "Auf-den-Punkt-Bringen" auf die geschliffene Pointe, und nicht auf die Variation eines Arrangements.
Bei Volker Saul jedoch haben die einzelnen Objekte den Charakter von Buchstaben, die man wieder zu neuen Wörtern kombiniert. Tatsächlich hat Saul in früheren Installationen solche Objekte wie plastische Schriftkörper eingesetzt. Allerdings zeigten seine Inszenierungen keine lesbaren Texte. Die Schriftelemente sind auch weitaus abstrakter als z. B. bei jenen Grafiti-Sprayern, in deren Elaboraten die gesprühten Buchstaben ihre Botschaften nicht über den Wortsinn, sondern über die typografische und farbliche Gestaltung vermitteln. Auch Volker Saul klammert bei seinen syntaktischen Kombinationen Semantisch-Begriffliches konsequent aus; eine Literarisierung des Werks findet also letztlich nicht statt.
Eine erste Arbeit aus der jüngsten Serie heißt "Jurassic Buffalo" (2002) und erinnert an Fußstapfen eines riesigen Wesens. Die später entstandenen Objekte bleiben in ihrer konkaven und konvexen Ausformung zwar zeichenhaft, entziehen sich jedoch mehr und mehr einer gegenständlichen oder typografischen Ausdeutung. Dass ihr Ursprung in der Zeichnung liegt, lässt aber auch bei den rein abstrakten Formen immer noch der grafisch-lineare Charakter der Skulpturen ahnen.
Grafisch ist nämlich nicht nur die Form, sondern ebenso die Oberflächenbehandlung mit den "Tubenzeichnungen". Ströme von rot-weiß-grünen Maserungen ziehen sich über die Sichtfläche. Mehrschichtig angelegte Schlieren und Farbbahnen verdichten sich zu Streifen, zu Punktstrukturen und zu Netzrastern in Weiß-Blau-Gelb oder Grün-Gelb-Blau, einem psychedelischen Farbmuster nicht unähnlich. Solch eine starke Signalhaftigkeit hat eine raumgreifende Wirkung.
Waren die ersten Arbeiten noch monochrom und somit etwas verhaltener, so dominiert schließlich die Farbgebung so sehr, dass nicht mehr ausschließlich die plastische Formzeichnung, sondern Farbrhythmik und Ornamentik das bildliche Ordnungsgefüge determinieren: Man unterliegt der Versuchung, diese Arbeiten letztlich unter dem Aspekt der Malerei, und nicht so sehr als Bildhauerei zu betrachten. Wo bei anderen Künstlern die aktuelle Malerei sich noch recht schwer tut, dem Vorbild einer Ästhetik der Fotografie und des Medienbildes auszuweichen, bedient uns Volker Saul mit einem höchst verblüffenden Beitrag über die Wirkungen von Malerei im Raum.
Die Farbbahnen folgen zwar dem plastischen Formverlauf der Objektkörper in ihren Biegungen wie die Wasserströmung einem Flussbett, aber letztlich ist die Farbe hier doch völlig autonom - sie hat in ihrer signalhaften Intensität, in den ornamental aufgefächerten Kontrasten und der dichten Stofflichkeit einen ästhetischen Eigenwert. Dabei verbleibt die Farbbehandlung allerdings im Grafisch-Plakativen, und dies bedeutet eine präzise Abgrenzung etwa zu den lyrisch-metaphysischen Konzepten bei den Farbkörpern der Künstler, die aus der Graubner-Schule hervorgegangen sind. Dort hat die Farbe eine Absolutheit. Bei Volker Saul hingegen relativieren sich die Autonomie der Farbe und der plastischen Form immer durch die Rückbesinnung auf die Zeichnung.