Volker Saul: Kölner Stadt-Anzeiger vom 16.7.2000

„You C“ heißt hier „Du siehst“
Denkbar unterschiedlich: Fünf Installationen von Volker Saul.
Von Sabine Müller

Volker Saul zeichnet. Die zahllosen Blätter, die er im Laufe der Jahre mit Linien füllte, müssten sich aufeinandergeschichtet zu meterhohen Stapeln auftürmen lassen. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Zeichnung. Es geht um Zeichen. Um die Doppelbödigkeit der Linie, die nur mit Mühe einfach als solche erfasst werden kann, ohne an einen konkreten Gegenstand zu erinnern oder an Schrift - wenn auch vielleicht an eine, die wir nicht kennen. Und es geht um ihre Doppelgesichtigkeit: Die Linie hat immer an beiden Seiten Anteil, an Innen und Außen, an der Positiv- und der Negativform. Es gibt keine Leere zwischen den Linien.
Volker Saul denkt räumlich. Er löst seine Zeichen aus der Zeichnung heraus und stellt sie als plastische Objekte in den Raum. Die Linien werden zu massiven Körpern, die genau doppelt so tief wie breit sind. Das Zeichnen wird dreidimensional, wodurch sich seine Beziehung zum Raum grundsätzlich ändert, aber es wird dadurch nicht autonom. Saul setzt seine, bezeichnenderweise von ihm „ Module“ genannten Einzelstücke niemals für sich alleine sprechend an die Wand. Diese völlig entspannten, sich ja tatsächlich aus dem Fluss des Zeichnens heraus erklärenden Formen werden stets in ein Beziehungsgeflecht aus Körper, Raum und Linie eingespannt.
Volker Saul beschäftigt sich mit der Farbe. In mehreren Arbeitsgängen des Auftragens und Schleifens wird mit dem Spachtel Farbe auf die Module aufgezogen. Dadurch werden ihre Oberflächen sehr glatt und ebenmäßig, aber auch hoch sensibel und reizbar für das Licht. Die enorme Sorgfalt, die sich hier bei näherem Betrachten zu erkennen gibt, sorgt für einen individuellen Charakter, der ihrer vordergründigen Gleichartigkeit entgegensteht.
Auf diese Art und Weise hat sich Volker Saul ein Repertoire geschaffen, mit dem er nun ganz frei umgehen kann. Die Ausstellung zeigt fünf denkbar unterschiedliche Installationen, bei denen auch Wandmalerei einbezogen wird. Eine Skulptur ist hier sogar als Einzelstück an der Wand möglich, wobei ein Bezugspunkt durch eine kreisförmige Wandmalerei hergestellt wird. Dabei wird die Farbigkeit des Zeichenkörpers durch die Arbeit mit Pigment statt mit Acrylfarbe noch stärker individualisiert. In einem anderen Fall bietet eine Schwefel gelbe Wandfläche einen starken Kontrast zu dunkelvioletten“Buchstaben“. Hier handelt es sich um konstruierte, also nicht frei entstandene Formen, die eine Entzifferbarkeit als Schrift intendieren, ohne sich letztendlich so genau festlegen zu lassen.
Eine mit den Gestaltungsmitteln von Werbetafeln oder Logos spielende Auseinandersetzung wird besonders bei der fünfteiligen Arbeit „You C“ gesprochen: You see/Du siehst) auf grasgrünem, stark an Sport, farbigen Streifen auf Trikots etc. erinnernden Grund deutlich. Bei der Raumarbeit, „Drei Stücke über zwei Ecken“ werden farblich sehr unterschiedliche, formal oder ähnliche Elemente räumlich weit auseinander gezogen. Eine Verbindung wird durch einen ganz schmalen, farbigen Wandstreifen hergestellt, Schließlich rundet sich der Raum in einer Bodenarbeit aus zehn schwarzen, eng zueinander geordneten Modulen, deren fließende Formen durch das silbrige Scheinen und Schimmern der Oberflächen wie bewegt erscheinen.