Saul KSTA 1-10-1998

SCHWÜNGE IN KNALLIGEM BLAU
Volker Saul spielt mit der Wirkung von Form und Farbe
Enno Stahl

Neue Wandskulpturen von Volker Saul, sämtlich ohne Titel, zeigt die Galerie Rivet. Namen und Mottos sind bei diesen reduzierten Arbeiten denn auch nicht nötig, sie lenkten ab vom Eigentlichen: der Farb-Form-Wirkung.
Schlichte, dynamische Elemente hat Saul aus MDF, Feinpreßspan, herausgeschnitten, einem Material, das häufig für Industrie-Design verwendet wird. Doch diese Wahl ist nicht bedeutungsmotiviert, sie beruht allein auf einer freien Handhabbarkeit dieses Wekrstoffs: daß er ein genaues Arbeiten und sehr glatte Schnitte ermöglicht. Zugleich tritt er stofflich nicht in Erscheinung, dient als quasi anonymer "Träger" der Farbe, die mit dem Spachtel aufgetragen wird.
Saul verwendet pure (d.h. ungemischte) Signalfarben, es entstehen leuchtkräftige Wandobjekte, Formen, wie in der Bewegung geronnen. Das erinnert zunächst wirklich an industrielle Dekor-Produkte, da sie so technisch einwandfrei gearbeitet sind. Genaueres Hinsehen allerdings macht den Arbeitsprozeß, die Handfertigung sichtbar. Zudem sind diese Gegenstände verwendungsfrei und bedeutungsleer: sie sind wie unentschlüsselbare Chriffren, Zeichen einer bloßen Abstraktion. Daher lassen sie sich fast beliebig variieren: zwar sind hier in einigen Arbeiten mehrere Details zu einem Ensemble zusammengestelllt, doch betrachtet Saul diesen Kontext nicht als fest. Die Möglichkeit zu spielerischen Veränderungen der Kombinationen ist stets gegeben, weil jedes Stück in inhaltlicher Offenheit eigenbestimmt bleibt. Neben den suggestiven Wellenschwüngen, vornehmlich in knalligem Blau und Rot, existieren mehrteilige Linienstrukturen, die wie hochgezogene Grafik-Raster erscheinen - und zwar ist der Maßstab so sehr vergrößert, daß die einzelnen Raster-Elemente als Objekte wahrgenommen werden können.
Diese skulpturalen Arbeiten sind Resultate eines länger währenden Verdichtungsprozesses: einige exemplarische Zeichnungen, die Saul mit Ölfarben direkt aus der Tube aufs Blatt gebracht hat, dokumentieren diese Entwicklung hin zu einer weitgehenden Vereinfachung und Reduktion, welche erst in den Objekten eine endgültige, eine ebenso notwendige wie konzentrierte Qualität findet.