Kunstforum International, Bd 136, Februar/März 1997, S 420 f.
Volker Saul
Uta M. Reindl

Volker Saul setzt seine Auseinandersetzungen mit der Zeichnung konsequent fort. Waren es ab Mitte der achtziger Jahre zunächst weiße Kreidezeichen. Die wie geheime Systeme in den dunklen Farbschichten auf - und abtauchten, variiert der Kölner Künstler später das Spiel mit Zufall und Kalkül in seinen "Tubenzeichnungen", bei denen er direkt mit der Öltube auf Papier zeichnete. Das Phänomen des Schreibens als ein motorischer Vorgang beziehungsweise Findungsprozeß autonomer Zeichen wurde bald ein zentrales Thema in der künstlerischen Arbeit Volker Sauls. Und nun ist aus der Linie Skulptur geworden.
In den nicht einfachen, aber für jede Installation natürlich reizvollen Räumen der Kölner Galerie Gabriele Rivet hat Saul seine minimalistischen Skulpturen im Dialog mit der Architektur installiert. Anders als in den vorherigen Ausstellungen bei Rivet, wo der 41 jährige Künstler präzise zeichnerische Eingriffe im Raum vornahm, handelt es sich bei den mit handschriftlichen Linien assoziierbaren Skulpturen jetzt um autonome Wandarbeiten. Die von rhythmischen Kräften bestimmten Linien formieren sich im Raum zueinander - wie schon angemerkt - und in Abstimmung mit dem Umraum. Sie formieren sich zu einer spannenden Syntax, was sich sodann wie ein beeindruckend präzise und überzeugend gesetzter Kommentar auf die räumlichen Gegebenheiten liest.
Die scharfkantigen, intensiv farbigen und monochromen Linienskulpturen sind handwerklich exakte Übertragungen einiger, aus zahllosen Beispielen sorgfältig ausgewählter Schrift-Zeichnungen. Die Strichbreite der Linien bleibt im Verlauf stets konstant, sobald diese variiert, verändert sich entsprechend die Tiefe der aus massivem MDF gefertigten Plastiken.
Die Schwere beziehungsweise Körperhaftigkeit der Plastiken scheint einmal durch spezifische Oberflächenbehandlung relativiert. Die Skulpturen wurden mit mattem Acryl gespachtelt, nur ganz subtile Prozeßspuren sind sichtbar. Reflexionen, die bei glänzenden Oberflächen das Volumen optisch vergrößern, fallen so weg . Zum anderen relativiert sich die Schwere durch die Ambivalenz in der skulpturalen Komposition, in der gewissermaßen dass spontane Moment des Schreibens eingefroren ist und sich zur Skulptur erhebt.
Saul hat Anfang der neunziger Jahre seine aus gleichförmigen Platten bestehende Bodenplastik "variables System" genannt, das je nach Konstellation entropische Auflösung oder auch die Dekonstruktion von Konfigurationen zu visualisieren vermochte. Diese Eigenheit scheint trotz aller Autonomie der aktuellen Arbeiten auch für sie in gewisser Weise zutreffend, ganz sicher jedoch die von Donald Kuspit für die Abstrakten Maler der US Moderne gemachte Beobachtung: "nach außen hin perfektionistisch, insgesamt jedoch an Spontaneität interessiert".